Die Wissenschaftsausstellung startet in Dietikon zu einer Tour durch die Schweiz.
Maria-Rahel Cano
An der Zürcher Peripherie, in einem Aussenquartier von Dietikon, erheben sich sechs weisse Kuppeln. Sie wirken wie Iglus, die sich in Ort und Jahreszeit geirrt haben. Zusammen bilden sie das grösste aufblasbare Zelt der Welt. Es ist ein Symbol für den pragmatischen Neuanfang einer grossen Idee: das Comeback der Wissenschaftsausstellung Phänomena. Ein Holzweg führt direkt von der Tramstation zur Ausstellung. Davor prangt ein Schild mit grossen Worten: «Noch 100 Schritte bis zur Zukunft».
Der Kopf dieses weissen Universums ist Urs Müller. Er ist nicht nur Macher, sondern auch Erbe: Sein Vater Georg prägte 1984 mit der ersten Phänomena am Zürichhorn das kollektive Gedächtnis einer ganzen Generation. Schon damals fertigte der Sohn – seinerzeit noch Schreiner – Exponate für den Vater an. Der spätere Mediziner und Unternehmer ist nun der Gesamtleiter dieses Projekts. Es war keine leichte Aufgabe. In dieser Rolle hatte er über Jahre hinweg mit Finanzierungssorgen und Standortfragen zu kämpfen.
Zwei grosse Augen
Die soeben eröffnete Phänomena ist deshalb nicht mehr das gigantische Spektakel, das ursprünglich geplant war. Es ist eine Wanderausstellung, verkleinert und kompakter. Urs Müller sagt dazu: «Die ursprüngliche Ausstellung hätte unter anderem durch ihre Architektur überzeugen sollen. Jetzt muss der Inhalt überzeugen.» In den weiten Kuppeln steigt einem der Duft von frisch geschnittenem Holz in die Nase. Wer die Ausstellung mit einer kindlichen Neugierde besucht, bekommt einiges geboten. Das Areal ist in sechs aufblasbare, zusammenhängende Kuppeln unterteilt. Während zwei davon als Empfangs- und Gastrobereich dienen, taucht man in den übrigen in die Welt von KI und Robotik ein.
Gleich zu Beginn kann man sich von einem Roboter beobachten lassen, der fast nur aus zwei grossen Augen besteht. «Dabei geht es nicht nur darum, wie wir Roboter wahrnehmen, sondern auch darum, zu lernen, wie Roboter uns wahrnehmen », erklärt eine Wissenschafterin bei einem Presserundgang vor Ort. Ein weiteres Highlight ist das Gespräch mit einem KI-generierten Spiegelbild der eigenen Person. Hier sind die Ambitionen hoch: Um den Datenschutz zu gewährleisten, laufen alle Rechner hausintern, ohne Verbindung nach aussen. Das hat jedoch seinen Preis – das KI-Ich reagiert dadurch mitunter etwas träge. Künstlerisch Interessierte können sich von einem Roboterarm porträtieren lassen oder selbst mit KI kreativ werden: Per Fingerzeig in die Luft entstehen auf einem Bildschirm in Echtzeit digitale Kunstwerke.
Beeindruckend ist ein Exponat, das zeigt, wie KI den Alltag von Menschen mit Sehbehinderung revolutionieren könnte. Die rumänische Firma Lumen präsentiert ein System, das künftig Blindenhunde oder den klassischen Blindenstock ersetzen soll. Ein Helm, der optisch einer VR-Brille ähnelt, führt die Träger mittels Vibrationen an der Stirn sicher durch den Raum. Ähnlich wie ein autonomes Fahrzeug erkennt das Gerät durch Sensoren die Umgebung. Das System ist in Rumänien bereits auf dem Markt und soll bald international vertrieben werden – zum stolzen Preis von rund 10 000 Euro pro Stück.
Ein Gemeinschaftsprojekt der Phänomena mit Experten der EPFL Lausanne und weiterer internationaler Hochschulen widmet sich der Honigbiene. Dank Virtual-Reality-Brillen schlüpfen Besucher in die Rolle einer Biene in einem Stock in Graz. Ein nur 1,5 Zentimeter grosser Mikroroboter überträgt Bilder direkt aus dem Inneren
der Waben.
Während die Technik im Inneren der Ausstellung bereits die Welt von morgen vorzeichnet, kämpften die Macher hinter den Kulissen jahrelang mit den Widerständen der Gegenwart. Dabei fing alles so gut an: Im Patronatskomitee fanden sich Bundesräte und Zürcher Regierungsräte, unter ihnen die damalige SP-Bundesrätin Simonetta Sommaruga und später auch der SVP-Bundesrat Guy Parmelin. Zudem waren mit Silvia Steiner (Mitte) und Martin Neukom (Grüne) zwei Mitglieder der Zürcher
Kantonsregierung vertreten. Aber in der Stadt Zürich, wo die Ausstellung ursprünglich hätte stattfinden sollen, fehlte an entscheidender Stelle der Support.
Sponsoren springen ein
Als «nicht mehr zeitgemäss» wurde das Projekt von der Zürcher Stadtentwicklerin Anna Schindler bezeichnet. Für eine Ausnahmebewilligung auf der Allmend am Stadtrand fehlte somit der politische Wille. 2021 wichen die Organisatoren nach Dietikon aus. Doch obwohl die Bewilligungen für die spektakulären Ausstellungsbauten in Dietikon bald erteilt waren, musste die Phänomena zweimal verschoben werden. Unter anderem weil einer der bisherigen Mieter das Areal nicht rechtzeitig freigegeben hatte, damit mit dem Aufbau begonnen werden konnte.
Hinzu kamen finanzielle Probleme: Weil das Bundesparlament sparen muss, blieben die erwarteten Millionen aus. Und weil die Kantone Zürich und Aargau ihre Gelder an die Bundesbeiträge gekoppelt hatten, scheiterte beinahe die Finanzierung. Nur dank den gewonnenen Sponsoren konnte das Projekt noch entstehen. Wer also heute nach Dietikon pilgert und im Hinterkopf die legendäre Ausstellung von 1984 als Massstab anlegt, wird zwangsläufig enttäuscht werden.
Urs Müller hatte nicht nur mit finanziellen Sorgen zu kämpfen, sondern auch mit ausufernder Bürokratie. Nur schon um ein Hinweisschild vor den Ausstellungshallen platzieren zu dürfen, habe er eine Bewilligung einholen müssen: «Das Formular, das ich dafür ausfüllen musste, war etwa doppelt so gross wie das Hinweisschild selbst», sagt Müller. Und während bei der letzten Phänomena die Kinder noch ganz ohne Sicherung am See mit einem Wasserklavier spielen konnten, muss heute eine Plexiglaswand um den kleinen Plastikpool hochgezogen werden. «Es könnte ja jemand hineinfallen.»
Am Eröffnungsabend verdeutlicht der Phänomena-Gründer Georg Müller den Wandel der Zeit mit einer Prise Nostalgie: «Eine Bewilligung hätte es vielleicht schon damals gebraucht, aber wir sind schlicht nicht auf die Idee gekommen, zu fragen», sagt er und lacht. Umso mehr zeigt der Patron seine Anerkennung für die Hartnäckigkeit seines Nachfolgers: «Ich bewundere meinen Sohn, dass er durchgehalten hat. Er hat nie resigniert.»
KI sei jedoch nicht seine Welt, sagt Gregor Müller. Abgesehen davon gebe es gar keine künstliche Intelligenz: «Es gibt nur intelligente Menschen, die das entwickelt haben.» Die Neuauflage steht ganz im Geiste der Phänomena von 1984: Sie will eine bewegliche Volkshochschule sein, die ohne den erhobenen Zeigefinger des Schulmeisters auskommt. Ein Ort, an dem junge Menschen «Nachhilfe über die Technologien der Gegenwart» erhalten sollen – «aber auch die Alten», fügt der 90-Jährige lachend hinzu.
Mehrstündige Entdeckungsreise
Die Phänomena 2026 lädt zu einer rund zweistündigen Entdeckungsreise ein, die auf ein breites Publikum abzielt, aber bereits für Kinder ab 8 Jahren konzipiert ist. Der Eintritt kostet zwischen 25 Franken für Kinder und 38 Franken für Erwachsene, wobei lokale Rabatte für das Limmattal vorgesehen sind. Das Areal in Dietikon dient bis zum 19. April als Auftakt einer schweizweiten Tournee, die über Basel bis Biel führt.
Sollte die Finanzierung für die Folgejahre gelingen, ist eine Fortsetzung bis 2030 mit neuen Themen bereits angedacht. Offen bleibt, ob das Konzept der Wanderausstellung aufgeht oder ob die Phänomena 2026 als das letzte Aufbäumen einer vergangenen Ausstellungskultur in die Geschichte eingehen wird.
> Artikel aus der NZZ vom 17.03.2026
(Quelle Bild: PrintScreen Medienartikel / Quelle Medienartikel: NZZ, 17.03.2026)

